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Kennzeichnung von ESL-Milch

Warum darf länger haltbare ESL-Milch als „Frischmilch“ bezeichnet werden?

Milchglas
© Nitr - Fotolia.com

Frage

Sehr geehrte Damen und Herren, seit einigen Jahren wird es immer schwerer im Kühlregal noch echte Frischmilch - also traditionell hergestellt Milch - zu finden. Oft gibt es nur die "länger haltbare" Milch, die meines Erachtens jedoch nur eine etwas bessere H-Milch ist. Die "länger haltbare" Milch als Frischmilch zu bezeichnen, ist eine arge Täuschung der Kunden. Ich würde mir sehr wünschen, dass endlich eine bessere Kennzeichnung von echter Frischmilch gibt, die nicht über ca. 72 Grad erhitzt wurde, also traditionell hergestellt wurde, und der Milch, die "länger haltbar" ist.
Es gibt mittlerweile Supermarktketten, die nur noch "länger haltbare" Milch im Angebot haben. Das ist nicht akzeptabel. Welche Lobby steht dahinter, dass es bis heute nicht möglich ist, "länger haltbarer" Milch (oder besser gesagt den Herstellern) zu verbieten, diese Milch als "frisch" zu bezeichnen?

Antwort

Der Begriff „frisch“ ist für Milch rechtlich nicht definiert.

„Traditionell hergestellte“ Milch wird klassisch pasteurisiert. Dabei wird die Milch für 15 Sekunden auf mindestens 72 Grad Celsius erhitzt. Sie ist gekühlt rund zehn Tage haltbar. Bei der von Ihnen erwähnten ESL-Milch gibt es unterschiedliche Verfahren, bei denen die Milch für wenige Sekunden auf bis zu 127 Grad Celsius erhitzt wird. Sie ist gekühlt zwei bis drei Wochen haltbar.

Bei pasteurisierter Milch ist der Begriff „frisch“ üblich. Da auch das Erhitzungsverfahren der ESL-Milch als Pasteurisierung zählt, ist er auch auf länger haltbarer Milch zu finden. Erst bei einer Behandlung ab 135° C gilt Milch als ultrahocherhitzt. Diese Milch ist als H-Milch im Handel und ist ungekühlt mehrere Monate haltbar.

Mehrere Beschwerden sowie eine aktuelle Umfrage von Lebensmittelklarheit zeigen jedoch, dass Verbraucherinnen und Verbraucher die Bezeichnung „Frischmilch“ im Wesentlichen für klassisch pasteurisierte Frischmilch akzeptieren. Für Milch mit einer Haltbarkeit von etwa drei Wochen – das entspricht der ESL-Milch – sinkt die Akzeptanz stark.

Auch wenn sich die ESL-Milch qualitativ kaum von herkömmlich hergestellter Frischmilch unterscheidet, stören sich einige Verbraucherinnen und Verbraucher bei manchen Produkten zum Beispiel über den veränderten Geschmack und sie möchten die traditionell hergestellte Frischmilch auf den ersten Blick erkennen können.

Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, der Milchindustrie-Verband e. V. und der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels haben sich im Jahr 2009 auf eine Selbstverpflichtung zur Kennzeichnung der Milch verständigt. Sie soll bewirken, dass die Käufer die klassische Frischmilch besser von der ESL-Milch unterscheiden können:

  • Klassische Frischmilch erhält den Zusatz "traditionell hergestellt",
  • ESL-Produkte werden als "länger haltbar" gekennzeichnet.

Aus Sicht von Lebensmittelklarheit ist die derzeitige Kennzeichnung nicht für jeden verständlich. Milch mit längerer Haltbarkeit sollte aus unserer Sicht nicht mehr als „frisch“ bezeichnet werden dürfen. Das würde die Unterscheidung zwischen herkömmlich pasteurisierter Milch und „länger haltbarer“ Milch vereinfachen.

Er gibt bereits Hersteller, die klar unterscheiden zwischen „Länger haltbarer Milch“ – ohne die Angabe „frisch“ – und „Frischer Milch“, die herkömmlich pasteurisiert wurde.

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Letzte Änderung 
17. Juni 2021

Kommentare

Dass eine Selbstverpflichtung von Herstellern oder Handel nichts bringt, ist auch aus anderen Bereichen bekannt. Meiner Meinung nach helfen nur (strenge) gesetzliche Vorgaben, aber sobald ein Politiker so etwas ins Gespräch bringt, stehen die entsprechenden Interessenvertreter bei ihm Schlange, bis er oder sie umkippt und sich doch wieder auf Herstellerkurs bringen lässt und eine "Selbstverpflichtung" als großen Erfolg preist. Ergebnis: Keine Änderung am Status quo.


Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass sich die Politik fragen wird, wie viele Menschen (also potentiellen Wähler) sich für diese Frage überhaupt interessieren bzw. für wie viele Menschen die Erkennbarkeit von ESL-Milch das dringendste Problem darstellt. In Anbetracht der Herausforderungen der heutigen Gesellschaft (Klimawandel, Wohnungsraumknappheit und Mietensteigerungen, Rentenreform, ...) darf sich wirklich jeder als glücklich schätzen, für den diese Frage so existenziell ist, dass er eine gesetzliche Regelung fordert. Vermutlich sind das die wohlhabendsten obersten 5 % der Gesellschaft, die sich mit ihrem Lebensmittelkonsum ein "gutes Gewissen" erkaufen wollen und sonst keine Probleme haben.

D. h. ich kann jeden Politiker und jede Politikerin verstehen, der/die dieses Anliegen gaaaaanz hinten auf die To-Do-Liste stellt...


FRISCHE Lebensmittel sind keine Privileg der "besser gestellten" und auch nicht nur die interessieren sich dafür. FRISCHE sollte nicht vorgekaukelt werden, Milch die drei Wochen alt ist mag zwar noch nicht verdorben sein, ist aber nicht frisch. So definiert z.B. Duden "eben erst entstanden....". Gesunde Ernährung ist essentiell und kann man nicht wg. anderen Problemen hintenanstellen, nur weil es für Handel/Industrie praktischer ist. Oder würden Sie im Restaurant ein aufgewärmtes Gericht als frisch akzeptieren, nur weil es noch nicht verdorben ist? Um sich lieber mit den größeren Problemen zu befassen? Lebensmittelkennzeichnung muß als allererstes EHRLICH sein.