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Anti-Kater-Mittel mit Arzneimittel: Darf es als Nahrungsergänzungsmittel angeboten werden?

Da können doch Nebenwirkungen auftreten.

verkaterter Mann
© vasakna - fotolia.com

Frage

Mein Sohn ist in den vergangenen Tagen mit einem sogenannten „Anti-Kater-Mittel“ an mich herangetreten. Nach Aussagen des Herstellers soll es dabei helfen, nach einer langen Nacht wieder fit zu werden. So weit, so fraglich. Was mich jedoch wirklich stutzig machte, sind die angegebenen Inhaltsstoffe. Das Präparat ist als Nahrungsergänzungsmittel deklariert und enthält unter anderem Vitamine, Mineralstoffe und Ingwerextrakt. Zu meiner Überraschung enthält das Produkt aber auch Ginkgoextrakt und Weidenrindenextrakt. Beide Stoffe werden üblicherweise als Arzneimittel deklariert in Apotheken verkauft. Für mich stellt sich die Frage: Warum darf der Hersteller Arzneimittel in sein Produkt mischen ohne eine Zulassung für Arzneimittel zu haben? In der Nahrungsergänzungsmittelverordnung (NemV) ist klar geregelt, welche Stoffe enthalten sein dürfen. Arzneimittel sind dort sicherlich nicht aufgeführt.

Antwort

Ein Nahrungsergänzungsmittel, das Pflanzenextrakte mit unklaren gesundheitlichen Wirkungen enthält und in Zusammenhang mit Alkoholkonsum beworben wird, ist in jedem Fall kritisch zu sehen.

Viele Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln setzen ihren Produkten Pflanzen oder Pflanzenteile zu, die auch als Arzneimittel bekannt sind. Dies ist zulässig, wenn die verwendete Menge keine pharmakologischen Eigenschaften besitzt, also keine Wirkungen im Körper entfaltet, die typisch für Arzneimittel sind.

Ob ein Produkt mit pflanzlichen Inhaltsstoffen als Lebensmittel oder als Arzneimittel eingestuft wird, ist daher oft eine Frage der Menge. Die Abgrenzung ist allerdings nicht ganz einfach und gesetzlich nicht klar geregelt. Zwar gibt es eine "Stoffliste des Bundes und der Bundesländer für Pflanzen und Pflanzenteile", des Bundesamtes für Verbraucherschutz (BVL), die als Orientierungshilfe bei der Verwendung von Pflanzen als Lebensmittelzutaten dienen soll. Diese Liste ist allerdings nicht rechtsverbindlich. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und berücksichtigt nicht die Unterschiedlichkeit der verschiedenen Herstellungsverfahren. Pflanzenextrakte lassen sich nicht ohne weiteres vergleichen, wenn die Herstellungsverfahren – und damit die Menge an wirksamen oder auch bedenklichen Substanzen – unterschiedlich sind.

Zum Teil müssen Gerichtsurteile darüber entscheiden. Im Falle eines Ginkgo-Präparates zog das Verwaltungsgericht Köln beispielsweise die Grenze bei maximal 97,2 Milligramm pro Tagesdosis, die ein Nahrungsergänzungsmittel unterschreiten muss.

In dem von Ihnen genannten Produkt sollten somit im Vergleich zu Arzneimitteln nur geringe Mengen an Ginkgo- und Weidenrindenextrakt zugesetzt sein. Wenn Sie Bedenken haben, dass ein Nahrungsergänzungsmittel zu hoch dosiert ist, können Sie das Mittel der amtlichen Lebensmittelüberwachung melden.

Unserer Ansicht nach ist der Einsatz von Arzneipflanzen in Nahrungsergänzungsmitteln kritisch zu sehen. In Deutschland gibt es keine Liste von zugelassenen Pflanzenextrakten für Lebensmittel, auch Höchstmengen sind nicht klar definiert. Da es auch keine Standards für Pflanzenextrakte in Nahrungsergänzungsmitteln gibt, sind Produkte schlecht vergleichbar.

Dennoch benötigen Nahrungsergänzungsmittel kein Zulassungsverfahren, keine Behörde prüft, ob sie gesundheitlich unbedenklich sind, bevor sie auf den Markt kommen. Für die Sicherheit ist allein der Unternehmer verantwortlich, der das Produkt auf den Markt bringt. Die Mittel müssen allerdings beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit angezeigt werden.

Diese Rechtsunsicherheit bei Nahrungsergänzungsmitteln sehen wir problematisch. Der Gesetzgeber sollte dafür sorgen, dass Pflanzenstoffe im Hinblick auf ihre Sicherheit bewertet werden und geprüft wird, ob sie für Lebensmittel geeignet sind. Zudem sollten Höchstmengen festgelegt werden, um Überdosierungen zu vermeiden. Gesundheitsbezogene Werbung sollte genauso geregelt werden wie für alle anderen Stoffe in Lebensmitteln.

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Letzte Änderung 
31. Januar 2017

Kommentare

Zu diesem Thema muß man deutlich mehr ausdifferenzieren.
Wasser ist nicht zwingend ein Arzneimittel, auch wenn es sowohl ernährungsphysiologische wie auch pharmakologische Wirkungen hat/haben kann und es auch als Arzneimittel (zB Fachinger) erhältlich ist.
So ist es auch bei der Weidenrinde und Ginkgo: Nur weil es in einer hohen Dosis als Arzneimittel bekannt ist, muß es nicht immer ein Arzneimittel sein, sondern kann in geringeren Dosen sehr wohl auch ernährungsphysiologisch wirken.
So gibt es auch Ginkgo-Tees, die zweifelsfrei und unbestritten keine Arzneimittel sind.
Oder andere Beispiele:
Baldrian gibt es in Form von Tee, aber auch als Arzneimittel, Hopfen in Form von Bier oder auch als Bestandteil von Beruhigungsdragees/Arzneimittel.

Bei pflanzlichen Stoffen ist daher sehr wohl zwischen ernährungsphysiologischen oder pharmakologischen Wirkungen zu unterscheiden, ein Pauschalurteil hilft hier nicht.


Sehr schön, dass sich hier auch mal ein Profi zu Wort meldet.
Die Mitarbeiter dieser Plattform reden ausschließlich FÜR die Verbraucher, egal ob es gerechtfertigt ist oder nicht. Das stärkt tagtäglich das zu unrecht schlechte Bild der industriellen Lebensmittelverarbeitung. Der Großteil der Verbraucher rennt zu den Discountern und kauft billig ein. Wir die niedrigen Preise zustande kommen, interessiert dabei nicht.


Eine Liste für zugelassene Pflanzenextrakte ist vorhanden. Die sogenannte "Stoffliste des Bundes und der Bundesländer für Pflanzen und Pflanzenteile", herausgegeben durch das BVL. Hier werden sowohl Ginkgo als auch Weidenrindenextrakt klar als zulässige Inhaltsstoffe in Lebensmitteln aufgeführt. Bitte keine Falschinformationen verbreiten! Korrekt ist, dass hier entsprechende Höchstmengen vorgegeben sind. Diese werden z.B. im besagten Produkt jedoch nichteinmal annähernd erreicht und haben somit einen rein ernährungsphysiologischen Charakter.


Danke für den Hinweis. Wir haben den Text entsprechend ergänzt. Die "Stoffliste des Bundes und der Bundesländer für Pflanzen und Pflanzenteile" ist allerdings weder rechtsverbindlich noch vollständig. Sie dient lediglich als Orientierungshilfe und kann keine gesetzliche Regelung ersetzen.